Wattschnecken sind winzig klein und super schnell. Nur ein bis drei Millimeter groß, werden sie leicht übersehen. Und das obwohl sagenhafte 100 000 von ihnen auf einem Quadratmeter vorkommen können. Was machen sie da? Fressen! Kommt die Flut, lassen sie sich vom Gezeitenstrom emporheben und mit drei bis fünf Stundenkilometern über die Wattflächen tragen – für eine Schnecke ein weltrekordverdächtiges Tempo!

Sie fressen mikroskopische Algen von der Wattoberfläche und halten in Seegraswiesen die Blätter sauber. Ohne diese „Putzkolonne“ wächst das Seegras im Wattenmeer schlechter. Wo Seegras fehlt, verzehren die Wattschnecken organische Reste von der Wattoberfläche. Meist haben das schon andere Wattschnecken vor ihnen getan, und so fressen die Schnecken oftmals die Kotpillen ihrer Artgenossinnen. Die Bakterien, die inzwischen darin gewachsen sind, sind offenbar sehr nahrhaft. Beim Umherkriechen in Wattpfützen können Wattschnecken auch mit dem Bauch nach oben an der Wasseroberfläche entlangkriechen und dort den Schmutzfilm fressen.

Im Ökosystem Wattenmeer ist die Wattschnecke nicht nur als Zersetzer von organischen Resten wichtig, sondern auch als Nahrungstier: Die Brandente ernährt sich hauptsächlich von Wattschnecken, die sie mit dem Schnabel aus dem Schlickwatt siebt. Auch Watvögel und Strandkrabben fressen Wattschnecken. Daher nutzen verschiedene parasitische Würmer die Wattschnecke als Zwischenwirt, um in den Darm von Seevögeln zu gelangen. So spielt die winzige Schnecke eine große Rolle im Nahrungsnetz des Wattenmeeres.

Betrachtet man die kleinen Schnecken ganz genau, kann man – vor allem im Mai – auf manchen Gehäusen winzige Sandklümpchen entdecken. Sie lassen sich nicht einfach abwischen, denn sie wurden von anderen Wattschnecken mit Sorgfalt dort angeklebt. Unter einer dünnen Schicht aus Sandkörnern enthält so ein Klümpchen etwa zwanzig Wattschneckeneier, aus denen später kleine Planktonlarven schlüpfen. Sie gehen nach einigen Wochen als winzige Babyschnecken zum Bodenleben über und verjüngen die Heerschar der Schnecken auf dem Watt. Auf dem Wattboden gibt es kaum harte Gegenstände, an denen Eipakete befestigt werden können. Die Wattschnecken bekleben sich daher gegenseitig mit ihren Eiern. Die Tierchen werden meist nicht einmal ein Jahr alt und pflanzen sich im Sommer regelmäßig fort.

Text: Rainer Borcherding/Schutzstation Wattenmeer, jek; Fotos: Borcherding; 12.5.2018