Etwas so Edles und Leuchtendes wie Bernstein muss göttlichen Ursprungs sein. Das meinte man schon in uralten Zeiten. Mindestens drei Legenden berichten über den Bernstein als „Tränen der Götter“. Aber wer da weinte, und warum, darüber gingen die Meinungen der Germanen, der Griechen und der Litauer weit auseinander.

Am bekanntesten ist die griechische Sage von Phäthon, Sohn des Sonnengottes Helios. Der lenkte Vaters Sonnenwagen so ungeschickt über die Himmelsbahn, mal zu hoch, mal zu niedrig, dass die Erde abwechselnd gefror und verdorrte. Die geplagte Erdgöttin rief in ihrer Not den Göttervater Zeus an. Der schoss den Fahranfänger mit einem Blitz vom Himmel. Phäthon hauchte sein Leben im Fluss Eridanos aus. Seine Schwestern, die Heliaden, waren untröstlich und hörten nicht auf, das Schicksal ihres Bruders am Ufer zu beweinen. Aus Mitleid verwandelten die Götter die Frauen in Pappeln und ihre Tränen wurden zu Bernstein.
Deutlich ranghöher als der unglückliche Phäthon war die Germanengöttin Freya, Tochter des Meergottes und einer Riesin. Im Himmelsvolk der Wanen bearbeitete Freya die wichtigen Fachbereiche Fruchtbarkeit, Schönheit, Liebe, Tod und Wiederkehr. In der jugendfreien Version ihrer Geschichte weinte sie Bernsteintränen, nachdem ihr heißgeliebter Göttergatte Odr aus der Asen-Sippe sich aus dem Staub gemacht hatte. Andere Quellen erzählen etwas ganz anderes, nämlich dass vier Zwerge eine echt rattenscharfe Halskette schmiedeten. Freya durfte sie für den Preis bekommen, dass sie mit jedem der Herren eine heiße Nacht verbrachte. Leider wurde sie vom fiesen Loki verpetzt. Zum Zeichen für Unzucht und Ehebruch musste sie danach die Kette für immer öffentlich tragen. Ihre Tränen über diese Schmach fielen als Bernsteine ins Wasser.
Denkbar ist übrigens, dass die vier Zwerge die vier Jahreszeiten repräsentierten, mit denen die Göttin der Fruchtbarkeit und des Wandels in einem sozusagen dienstlichen und legalen Kontakt stand, dem erst später, mit dem Sieg der Asen über die Wanen, Anstößiges angehängt wurde.
Von Bernstein und Erotik erzählten sich auch die alten Litauer. Jurate, Meeresgöttin und Chefin der Meerjungfrauen, lebte tief am Grund der Ostsee in einem Schloss aus Bernstein. Ein schöner, starker und mutiger junger Fischer namens Kastytis wagte es als einziger, über ihrem Wohnsitz seine Netze auszuwerfen. Weil die Meerjungfrauen es nicht schafften, den Frevler zu vertreiben, nahm sich Jurate selbst der Sache an. Es kam, wie es in Legenden kommen muss: Die Göttin verliebte sich in den schmucken Menschensohn und nahm ihn mit in ihr Reich. Perkunas, oberster Gott der Litauer, tobte vor Wut über Jurates Verbindung mit einem Sterblichen. Er soll auch fürchterlich eifersüchtig gewesen sein. Jedenfalls beschwor er ein gewaltiges Gewitter, und ein Blitz riss das Bernsteinschloss in tausend Stücke. Die Reste werden noch heute an die Strände der Ostsee gespült. Vermischt sind sie mit den zu Bernstein gewordenen Tränen der Jurate. Sie muss für immer weinen, weil sie als Unsterbliche ihren von Perkunas gemordeten Geliebten auf ewig überleben wird.
Der einen Leid, der anderen Freud. Der Bernstein wird auch „Sonnenstein“ genannt und soll seinen Trägern Lebensfreude und Optimismus bescheren, trotz oder wegen aller magischen Göttinnen-Tränen. Ein zusammen mit Rosen verbrannter Bernstein soll verlorene Geliebte zurückholen können. Mann oder Frau muss nur einen kleinen Tropfen Nichtverbranntes aus der Asche holen und ein Haar der oder des Untreuen daran heften. Ewige Liebe sei dann garantiert.
Glaubwürdiger sind die Berichte über die Heilwirkungen, die den Tränen der Göttinnen zugeschrieben werden, frei nach dem Motto „Vom Heulen zum Heilen“. Aber das ist eine Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden kann.

Text und Foto: jek, 22.7.2019